Sonntag, 20. Juli 2014

Endlich

Attila József

Ich putzte Kessel, habe Gras geschnitten.
Auf faules Stroh habe ich mich hingestreckt.
Idioten feixten, und Gerichte straften -
Mein Licht hat auch ihr Keller nicht verdeckt.
Ich küßte Mädchen, die beim Backen sangen -
Den Kuchen rührten sie für andre an.
Ich kriegte Hemden und verschenkte Bücher
An Ackerbauer, Schmied und Zimmermann.
Mein reiches Mädchen hab ich lassen müssen,
Denn ihre Klasse hat sie mir entrissen.
Nicht alle Tage hab ich was gegessen.
Dann habe ich gemerkt, daß auch die Welt,
Nachdem der Hunger mir den Leib zerfressen,
Ein kranker Magen ist, der nichts behält.
Verstand und Liebe sind genauso krank und trist -
Ich weiß, daß Krieg ein Bluterbrechen ist.
Weil mir das saure Zeug im Munde quillt,
Tret ich mein Herz - damit es endlich brüllt!
Was soll denn auch mein ruheloser Geist
Mit Liedern, die für Geld Vergessen geben?
Für meine Rache boten sie mir Gold -
Und Pfaffen flennten: Weihe Gott dein Leben!
Ich weiß doch, wer mit leeren Taschen kommt,
Bringt immerhin noch Axt und Picke mit.
Mein Herz ist blank! Und weil ich einer bin,
Der siegen kann, bin ich mit allem quitt.
Ich habe Lust, für alles einzustehen,
Denn auf Gerechtigkeit kommt es noch immer an -
Was soll mir da Erinnerungenkram?
Da schmeiß ich lieber meinen Bleistift hin
Und sorg dafür, daß man die Sense schleift,
Weil schon die Zeit auf unsrem Erdenfeld
Unmerklich, aber furchterregend reift!

1926

Übertragen von Heinz Kahlau

Quelle: Posiealbum 90 (Verlag Neues Leben Berlin)

Attila József

Mittwoch, 16. Juli 2014

Springer

Ferdinand Freiligrath

Epilog des Dichters

Kein besser Schachbrett als die Welt:
zur Limmat rück ich von der Schelde!
Ihr sprengr mich wohl von Feld zu Feld,
doch schlagt ihr mich nicht aus dem Felde!

So ist es eben in dem Schach
der Freien wider die Despoten:
Zug über Zug und Schlag auf Schlag,
und Ruh wird keine nicht geboren!

Mir ist, als müßt ich auch von hier
den Stab noch in die Weite setzen;
als würden auch aus Tells Revier
die Launen dieses Spiels mich hetzen!

Ich bin bereit! Noch braust das Meer,
um Norwegs freie Bauernstätten;
noch rasselt es von Frankreich her,
wie Klirren von gebrochnen Ketten!

Kein flüchtig Haupt hat Engelland
von seiner Schwelle noch gewiesen;
noch winkt mir eine Freundeshand
nach des Ohio lust'gen Wiesen!

Von Dorf zu Dorf von Stadt zu Stadt,
von Land zu Land – mich schiert es wenig!
Kein Zug des Schicksals setzt mich matt –
Matt werden kann ja nur der König!


Ferdinand Freiligrath

Mittwoch, 25. Juni 2014

Spaziergang der Sträflinge

Ernst Toller


Sie schleppen Zellen mit in stumpfen Blicken
Und stolpern wie geblendet im Quadrat,
Gehetzte, die im Steinverlies ersticken.
Gehetzte, die ein Paragraph zertrat.

Im Eck die Wärter träge lauern,
Von Sträuchern rinnt ein trübes Licht,
Das kriecht empor an starren Mauern,
Betastet schlaffe Körper und zerbricht.

Der Himmel öffnet sich wie rote Wunde,
Die brennt und brennt und brennt.

Ernst Toller

Dienstag, 8. April 2014

Das Volk der Denker

Erich Mühsam


Du armes Volk! Von aller Welt betrogen,
besiegt im Kampf, im Sehnen selbst besiegt,
sinnst du, das Hirn mit Wissen vollgesogen,
der Frage nach, woran dein Unglück liegt.

Und schon gelingt dir trefflich zu erklären,
warum bei so beschaffner Produktion
des einen Teil der Schweiss ist und die Schwären,
des andern Teil Theater, Sport und Spon.

Materialistisch weisst du zu begründen
der Wirtschaftsform Naturnotwendigkeit
und widerlegst den Wahn von Schuld und Sünden
als Narrenglauben der Vergangenheit.

Wie scheint der Mahner dir naiv und komisch,
der an die Seele pocht: Wach auf! Hab Kraft!
Du rechnest, wann historisch-ökonomisch
die Stunde reift auf Grund der Wissenschaft.

Du lachst des Spruchs, Tat wachse nur aus Wollen,
der manchmal noch in wirren Köpfen spukt.
Du siehst am Faden die Entwicklung rollen,
erkennst dich selbst als deiner Zeit Produkt.

Du lerntest längst nach Phasen zu begreifen
den Aufstieg der Geschichte und Kultur
und lehnst es ab, in Träumerei zu schweifen:
Kleinbürger-Utopien hemmen nur.

Du kennst die Welt, durchdenkst sie dialektisch;
empirisch ist dein Tun, dein Sinn real
Sind deine Kinder skrofulös und hektisch -
du weisst Bescheid: so wirkt das Kapital.

Und stehn sie hungrig vor des Reichen Türen,
der dich, Rebell! - vertrieb aus der Fabrik.
Du senkst den Kopf in Bücher und Broschüren
zum Studium der sozialen Republik.

Und liest: die Erde gäbe allen reichlich,
gehörte sie nur allen; - und du liest:
der schnöden Gegenwart folgt unausweichlich
die Zukunft, die ein freies Volk geniesst.

Die Zukunft kommt! Von selbst und ungerufen!
Im stolzen Trost schwelgt deine Phantasie.
Nur eine Serie von Entwicklungsstufen
steht noch bevor. - So lehrts die Theorie.

Du liest und lernst. Den Rücken krumm gebogen,
durchwühlst du Heft um Heft und Band um Band.

O armes Volk! Von aller Welt betrogen,
betrügst du selbst dich um dein Sehnsuchtsland.


Erich Mühsam

Aus: Erich Mühsam, Sammlung 1898-1928, Berlin 1928

Originaltext: Akratie Nr. 7, Frühjahr 1977. Digitalisiert von www.anarchismus.at

Freitag, 4. April 2014

Kein Völkerhaß

Max Kegel


Mögt ihr mit blutbefleckter Hand
Dem Morde eure Opfer weihen,
Mögt ihr mit eurem Opferbrand
Die Völker immer neu entzweien;

Wir wollen, daß der Völkerhaß
Des Volkes Blick nicht länger trübe,
Wir streiten ohne Unterlaß
Für das Prinzip der Menschenliebe.

Die Menschen sind ja Bestien nicht,
Dazu bestimmt, sich zu vernichten,
Nicht durch des Schwertes Vollgewicht
Senkt sich die Waage unsrer Pflichten.

Wir sollen heben, was Natur
An Schätzen auch der Menschheit biete,
Und dieses Werk gedeihet nur,
Wenn uns beglückt der Völkerfriede.

Doch müßte einst gefochten sein,
Und müßte einmal Blut noch fließen,
Dann nicht für die Despoten, nein!
Dann, um die Freiheit zu begrüßen!


Max Kegel

Quelle: Tränen und Rosen, Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden von Achim Roscher, Verlag der Nation Berlin

Samstag, 29. März 2014

LICHT IN DIE KÖPFE!

Erich Weinert


In der Straßenbahn, in der Mittagspause,
abends im Bette, sonntags zu Hause
nimmst du dir einen Schmöker zur Hand.
Den frißt du, wie du ein Gulasch frißt,
Und fragst nicht, wes Geistes Kind er ist:
Hauptsache: Er spannt!

Und wenn du deinen Roman gefressen,
dann hast du auf einmal alles vergessen,
die trockne Stulle, das kalte Ofenrohr.
Dann kommst du dir wie besoffen vor!

Du träumst dich in eine andere Welt
hinüber,
und freust dich, daß du dein Elend vergißt,
weil es doch mal eine Ablenkung ist!
Aber das ist ja der Zweck der Übung,
mein Lieber!
Die wickeln dich ein mit phantastischem
Zwirn
und träufeln dir Opium in das Gehirn.

Da gibt es zum Beispiel nette Geschichten,
wie die oberen Zehntausend ihr Leben
einrichten,
wo man am Schluß die Überzeugung gewinnt,
daß auch die Reichen nicht glücklich sind!

Oder sie schreiben Elendsromane
und gießen über deine Misere
ihrer letzten Weisheit tröstliche Sahne,
daß die Armut ein Glanz nach innen wäre.

Oder sie geben dir Kriegsgeschichten.
um Mord- und Blutinstinkte zu züchten,
damit du die nötige Stimmung hast,
wenn man dir wieder den Stahlhelm verpaßt.

Und so weiter. Das hat aber seinen Sinn!
Mein Junge, da liegt Methode drin!
Ja, die verstehen das Gifteinrühren,
um dein Gehirn zu narkotisieren.
Die wollen die Gegensätze vermanschen,
die wollen dein Klassenbewußtsein
verpanschen.

Die nennen sich immer unpolitisch.
Damit vernebeln sie deinen Blick.
Laß dich nicht damit besabbern, sei kritisch!
Kopf klar halten! Die Luft ist dick!

Ihr habt euch nicht mehr zu vertragen
mit einer Klasse, die euch verblendet,
damit sie ungestört eure Taschen
umwendet!
Lest Bücher, die euch die Wahrheit sagen!
Erfüllt euch wieder mit Stolz und Kraft
aus den Büchern der kämpfenden
Arbeiterschaft!
Licht in die Köpfe! Erkennt das Ziel!
Genossen, macht eure Hirne mobil!

Erich Weinert


Quelle: http://kucaf.de/

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